Kapitel 1
Das Landhaus
Und es betrug sich zur Frühlingszeit, als die Kirschblüten in ihren sanften Farben leuchteten, dass er diesem wundersamen Mädchen begegnete.
Die Sonne schien, die Stadt war voller Leben erfüllt, als sie sich trafen. Zusammen mit ihren Freunden trafen sie sich, um das Kranichritual zu vollziehen. Bunte Vögel sollten ihre Gebete gen Himmel schicken, damit sie erhört würden.
Er beobachtete dieses fröhliche Mädchen, wie sie mit den anderen herumalberte. Er wollte etwas sagen, doch nur selten brachte er ein Wort über seine Lippen. Sie waren oft wie versiegelt, zu schwer, um sie zu öffnen, lagen auf ihnen doch die Last der Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die ihn jede Sekunde heimsuchen konnte und es würde wieder alles schwarz werden. Doch nicht heute; heute war der Himmel blau, der Wind wehte; nicht zu stark, nicht zu schwach - genau so, um sich von seiner Kraft mitreißen zu lassen; so sah er es den anderen an, doch er selbst blieb ruhig.
Sie wusste nicht, was sie von dem ruhigen großen jungen Mann halten sollte, schließlich sagte er nichts. Er wirkte, als lebte er hinter einer dünnen Glasscheibe, als würden alle Worte, die sie ihm schenkte, nur dumpf bei ihm ankommen. Es verwirrte sie, aber sie lächelte einfach weiter. Obwohl das Glas der Scheibe für sie so klar war, wusste sie, sie würde dahinter etwas anderes entdecken, als das was alle sehen.
"Ich würde dich gerne wieder sehen, darf ich dich in deinem Landhaus besuchen?," fragte sie zaghaft ohne zu wissen, was sie damit auslösen würde.
Sie durchquerte einen dicht bewachsenen Wald, sie hörte die Vögel zwitschern und die Insekten summen. Keine Menschenseele war in der Nähe und die Stadt sehr weit entfernt. Die Blätter der Bäume hielten das Licht der Sonne fern bis zu einem kleinen rauschenden Bach, über den eine Brücke führte und plötzlich auch der Wald aufhörte. Die Sonne blendete und sie sah nichts als weite große, grüne Felder. In der Ferne standen vereint ein paar Bäume, doch trotz der warmen Farben, die ihr ins Auge fielen und trotz des Windes, der sie sonst so immer beruhigte, überkam sie ein ungutes Gefühl. Sie folgte dem Weg weiter den Feldern entlang, flankiert von kleinen Büschen und ihr vollkommen fremden Blumen bis die Bäume sich wieder verdichteten und die Büsche höher wuchsen. Hier muss es sein, dachte sie sich und suchte einen Weg, der zum Haus führen könnte. Als seien die hohen Büsche und Bäume nicht ausreichend, wurde das Haus von einem dunkelbraunen Zaun bewacht, dessen Tor sie langsam öffnete und über die Steinplatten zur Haustür ging und klingelte. Nichts geschah. Durch das rechts von der Tür liegende Fenster konnte sie nicht blicken, da es verhüllt war.
Verwirrt ging sie um das Haus herum, sah neben den Steinplatten diverse rote Rosen, über ihr hängte eine uralte Wäscheleine, die von Moos überzogen war. Der Hof wirkte kalt, da er vollkommen im Schatten lag. In der Mitte stand ein großer Tisch, auf dem alte Gegenstände rumlagen. Gleich dahinter befand sich ein alter weißer Schuppen vor dem eine alte, verwahrloste Bank stand. Sie wusste nicht wo hin und fühlte sich so deplatziert, als der junge Mann plötzlich aus dem Hause heraustrat, sie begrüßte und ins Haus bat.
Sie ging hinein, und stand zuerst im Bade des Hauses, zog ihre Schuhe aus. Er geleitete sie in die Küche und das ungute Gefühl überkam sie abermals. Immer wenn sie ein neues Haus betrat, schaute sie sich aufmerksam um, da sie doch immer so neugierig war. In der einen Ecke befand sich eine Sitzbank, davor ein Tisch; vollkommen überfüllt von Tellern, die noch Essensreste beinhalteten. Leere Flaschen, saubere Töpfe lagen herum. In der anderen Ecke stand ein kleiner, alter weißer Herd und eine noch kleinere Spüle. Die Schränke waren so gut wie leer; hier und da standen ein paar kleine Gewürzbehältnisse oder ein verkalktes Glas sah sie durch die kleine zerbrochene Scheibe des Regals. Der Kühlschrank war beklebt mit Zetteln und Zeitungsausschnitten.
Er fragte, ob sie einen Tee trinken wolle. Sie nickte nur und ging weiter ins Wohnzimmer, um sich dort ein wenig umzuschauen. Auch hier war es düster und jetzt erst realisierte sie den Geruch, der ihr solch ein Unbehagen bereitete. Es roch süßlich kalt, abgestanden, als hätte an diesem Ort seit langer Zeit niemand mehr gelacht. Das große braune Sofa war durchgesessen, der kleine Glastisch überfüllt mit Büchern, Heften und einer Schüssel Süßigkeiten. Sie ging an den Wänden entlang, blickte auf den großen Tisch, auf dem Kinderbücher und eine Gitarre lagen, an den Wänden hingen alte kindliche Zeichnungen und vergilbte Photos aus längst vergangener Zeit. Der große Holzschrank wirkte so aufgeräumt, als wäre er nicht benutzt worden; Teller und Tassen waren akkurat aufgestellt. Vereinzelt sah sie kleine Porzellanfiguren in nicht definierbaren Formen. Ein großes schwarzes Buch fiel in ihren Blick, welches sie in die Hand nahm und sich auf den Boden setzte.
Er kam mit dem Tee hinein und bot ihr an, sie könne sich auf das Sofa setzen, aber sie entgegnete, dass sie lieber auf dem Boden säße. Verwirrt nickte er ihr zu. Sie blätterte still durch das schwarze Buch. Es war voller Zeichnungen von Frauen. Dünne Frauen, dicke Frauen. Nackte Frauen, bekleidete Frauen. Ihr war leicht schwindelig und sie versuchte sich auf die Buchstaben auf den Seiten zu fokussieren, doch es war nicht möglich, weshalb sie das Buch weglegte und die Teetasse in die Hand nahm. Sie blickte ihn an, fragte ihn, ob er alleine lebte. "Meine Schwester lebt noch hier, aber sie ist momentan in der Stadt. Mein Vater lebt mittlerweile in einem anderen Land," entgegnete er. Sie fragte zaghaft nach seiner Mutter und sein Blick wurde sehr ernst. Verlegen schaute sie zur Seite und erblickte das Bild einer wunderschönen jungen Frau an der Wand. "Ist das deine Schwester," fragte sie, als sie auf das Bild zeigte. Er ging zu dem Bild, nahm es von der Wand und begann bitter zu lächeln und ein ungutes Gefühl überkam sie. "Dies ist meine Mutter," sagte er in einem sehr ruhigen Tonfall, "sie war doch so alt wie du. Das war die Zeit, als es ihr noch gut ging, bevor sie der Wahnsinn befiel." "Wo...ist sie nun?" Die Worte kamen so unsicher und zaghaft über ihre Lippen, dass sie nur noch ein Flüstern waren. Als er ihr in die Augen blickte, sah sie, dass sie ihm folgen sollte. So verließ er das Wohnzimmer durch eine Glastür und ging eine schmale, steile Treppe hinauf. Der Teppich darauf war grau, abgetreten, als wäre er nie geputzt worden. Es war dunkel, da es keine Lampen in dem flurähnlichen Gang gab und auch kein Geländer, an dem sie sich hätte festhalten können; hatte sie doch Angst, sie könne fallen. Vor sich sah sie eine hölzerne Leiter, die auf den Dachboden führte, doch er ging ohne ein Wort zu verlieren rechts in sein Zimmer, welches sie ebenfalls betrat und sich sorgsam umschaute. Der selbe Teppich wie auf der Treppe, die Wand voller kindlicher Zeichnungen. Zu ihrer rechten befand sich ein weiteres durchgesessenes Sofa, welches von abgenutzten Kuscheltieren bewohnt war. An allen anderen Wänden standen Regale, überfüllt von Büchern. Kinderbücher, Religiongsbücher, Esoterikbücher, Psychologiebücher, Musikbücher. Er sagte ihr, sie könne sich ruhig setzen und so setzte sie sich auf die Sofakante, da sie Angst hatte, würde sie sich richtig setzen, zu sehr in seine Welt zu geraten, von der sie nicht wusste, ob sie jene betreten solle. Er setzte sich auf einen blauen Kinderdrehstuhl, ließ den Kopf hängen, sodass ihm seine langen glatten blonden Haare das Gesicht verdeckten. Sie nahm eins der traurig aussehenden Kuscheltiere in die Hand, musterte es, legte es wieder zurück und sah neben dem Sofa einen kleinen zierlichen Holztisch, dessen Beine mit wunderschönen Schnitzereien versehen waren. Auf dem Tisch lagen weitere Bücher und eine kunstvoll geschliffene Glasschüssel mit Kaffeebohnen. Plötzlich stand er auf, nahm sich seine Gitarre und fing an, zu spielen ohne ihr weitere Beachtung zu schenken. Ein kurzer Schwall der Wut überkam sie, doch dann sah sie, wie sich sein ernstes Gesicht entspannte. So ließ sie ihn spielen und blickte weiter umher. Aus dem Regal zu ihrer Linken blickte eine weiße Maske sie mit ihren leeren Augen an, sodass sie erschauderte. Er bemerkte es und sagte beiläufig und vollkommen emotionslos, er möge solche Masken. "Wie es wohl wäre, könnten wir uns einfach ein Gesicht aufsetzen, welches wir auch zeigen wollen. Es wäre so viel einfacher, oder?", fragte er. Doch sie hörte nicht wirklich hin, blickte nur auf seine Finger, die die Saiten ganz sanft zupften. Die Melodie war ihr sehr befremdlich, wirkte sie doch so dissonant und zugleich bunt, wie in einem Fiebertraum.
Er hörte so plötzlich auf zu spielen, dass sie zusammenzuckte. Ohne den Kopf zu heben, zeigte er auf die Tür und sie fühlte, dass sie unerwünscht war. Verwirrt stand sie auf, verließ das Zimmer und sah, als sie die Treppe wieder hinabsteigen wollte, dass ein Bild über jener hängte. Eine traurige Frau war zu sehen, wie sie im Mondlicht tanzte. Das Bild wirkte so kindlich gezeichnet, und doch so detailliert. Die blaugrauen Farben verliefen ineinander, als wäre es aus Tränen entstanden. Sie hielt inne, schaute nochmal in das Zimmer und fragte zaghaft: "Sage mir, wer hat dieses Bild über der Treppe gemalt? Es sieht so wunderschön aus..." "Meine Mutter", antwortete er.
Sie verließ das Haus, folgte dem Weg zurück in die Stadt mit einem Gefühl der Erleichterung nicht mehr in diesem Haus sein zu müssen.