Was ist nur passiert? - Die Bildschirme, das Internet und unsere Gesellschaft

ACHTUNG: Das ist ein SEHR LANGER Text, den man aber – denke ich – komplett gelesen haben muss, um ihn zu verstehen. Am besten mit einer Tasse Tee und ein paar Keksen. *-*

Dieser Blogpost wird im Prinzip eine schriftliche Darlegung eines Referats aus meiner Schulzeit sein, welches ich damals im Erdkunde-Leistungskurs gehalten habe. Mein letzter Blogpost hat mich wieder daran erinnert und ich dachte, ich schreibe ihn hier nochmal nieder. Generell wollte ich all das hier schonmal niedergeschrieben haben, weil im letzten Jahr viele Menschen kennengelernt habe, die vieles von dem hier belegen und ich hoffe, dass ihnen dieses Geschriebene hilft, einige Dinge zu verstehen, um zu wissen, wie es weitergehen kann. (:
Ich beziehe mich hier aus zwei Zeitungsartikel aus der Psychologie Heute vom Oktober und November 2009, sowie auf den Atlas der Globalisierung. (Ich hatte noch andere Quellen, die ich mir aber nicht notiert hatte.)
Falls sich jemand fragt, ob das hier alles faktisch, biologisch und psychologisch richtig sei; ja. Meine damalige Lehrerin ist in den Bereichen sehr bewandt und und hatte inhaltlich nichts an dem Vortrag zu kritisieren.



Das Internet und die Globalisierung

Die Entstehung des Internets werde ich hier nicht darlegen, aber wer gerne wissen will, wie es entstand, wird mit Google bestimmt ganz schnell alles herausfinden.

Für die Politik spielt das Internet natürlich mittlerweile auch eine sehr große Rolle. Als Politiker kann ich mir so schnell Resonanzen des Volkes einholen und dementsprechend schnell darauf reagieren. Natürlich ist der Datenaustausch generell ebenfalls von großer Relevanz

Für die Wirtschaft hatte das Internet ebenfalls eine sehr große Relevanz; diese digitale Revolution konnte ja überhaupt erst den globalen Weltmarkt, wie er nun ist, ermöglichen. Jedoch resultierten daraus ebenfalls auch wieder stärkere Disparitäten. So ist es in Afrika ein Internetzugang noch am teuersten und da stellt sich die Frage, wie eine Firma sich auf dem Weltmarkt etablieren kann ohne Internetzugang, da jenes mittlerweile einfach vorausgesetzt wird in der Hinsicht auf Kommunikation und Kundennähe. Ferner gehört z.B. Amazon.com mittlerweile zu den Global Playern, was ohne das Internet natürlich nicht möglich gewesen wäre.

Und da könnt ihr euch nun fragen; Wie viel kaufe ich selbst über Online Shops und warum tue ich dies?

Meine Umfrage ergab, dass es mittlerweile die meisten tun, weil es bequemer und einfacher ist und viele der Befragten kaufen ausschließlich nur noch übers Internet ein. Ich persönlich bestelle mittlerweile Kleidung, Elektroartikel, Bücher etc. auch nur noch im Internet. Warum auch nicht? Ich kann im Internet direkt Rezensionen zu den Artikeln bekommen, betreibe Onlinebaking und bekomme meine Produkte ganz einfach nach Hause geliefert. Ist doch wundervoll praktisch. (:

Und dann haben wir natürlich auch noch unsere sozialen Netzwerke, damit man im Kontakt bleiben und Daten austauschen kann. Da benutzen wir Facebook, StudiVZ, Youtube und MySpace. Hausaufgaben machen dann Google und Wikipedia für uns und das Telefon ersetzen wir durch Skype, MSN und ICQ. Zeitung brauchen wir auch nicht mehr lesen, da die Zeitungen ja nun ihre eigenen Webseiten haben.
Interessant fand ich es, dass viele zu mir meinte, dass sie auf die sozialen Netzwerke sehr angewiesen sind, weil sie selbst kaum Zeit haben, mit Bekannten und Freunden in Kontakt zu bleiben und sich mal eben zu twittern, dass man sich abends dort und dort trifft, geht natürlich viel schneller.

Wie viel Zeit verbringt ihr eigentlich vor im Internet und vor dem Fernseher pro Woche? Und seid da mal ganz ehrlich zu euch selbst. Ich glaube, da könnten sehr erschreckende Zahlen zusammen kommen.
Ich selbst verbringe mittlerweile auch Unmengen an Zeit vor dem Bildschirm. Man nehme nur die Zeit, die man in das LPen investiert. Da kommen schon sehr viele Stunden zusammen. Hinzu kommen dann ellenlange Konversationen im Skype, Informationsbeschaffungen für das Studium, das Bloggen, Einkaufen etc.. Das ist in der Tat nicht wenig. Aber es wird auch irgendwie einfach vorausgesetzt; insbesondere bzgl. der Kommunikation.





„Hierher gesehen!“

Erstmal würde ich euch bitten, dass ihr euch die Frage stellt, welche Bedeutung für euch das Internet genau hat. Wie wichtig ist es für euch? Was wäre, wenn ihr plötzlich keines mehr hättet?


Anfangs dienten die „Bildschirme“ nur der Freizeitunterhaltung und der Entspannung und natürlich ging von ihnen eine unglaubliche Faszination aus. Ich glaube, in den 50ern gab es die ersten Fernseher und dann dort in diesem kleinen Kasten Menschen rumtanzen sehen zu können, war revolutionär.

Und heute? Heute empfangen wir über die Bildschirme all unsere Imperative, Arbeitsaufträge etc..
Auf der Arbeit wird uns gesagt, was wir zu tun haben. In den Schulen finden wir mittlerweile elektronische Stundenpläne, die uns ruck zuck zeigen können, ob es eine Raumänderung gibt oder ein Lehrer erkrankt ist. Wir haben elektronische Terminplaner, die uns sagen, wann wir wieder ein Geschäftsessen haben oder wann der beste Freund Geburtstag hat.
Von all diesen Bildschirmen gehen immer Impulse aus; sie rufen uns praktisch zu „Achtung, aufgepasst! Hierher gesehen! Hier, das musst du sehen!“.
Physiologisch gesehen wären das kleine Lichtschocks auf das Auge, aber da steckt viel mehr dahinter.

Soziologisch gesehen, sind diese Bildschirme einfach notwendig geworden bei gesellschaftlichen Arbeitsprozessen und wer sich nicht an die Impulse von den Bildschirmen hält oder halten kann, riskiert praktisch eine Kündigung.
Was resultiert daraus?
Es wird vorausgesetzt, dass wir mit der Bildmaschine umgehen und arbeiten können, wodurch vor allem ältere Arbeitnehmer unter einem enorm hohen Leistungsdruck stehen. Wir müssen uns stetig der sich schnell verändernden Technologie anpassen. Für Menschen, die damit aufgewachsen sind, ist das ansich kein Problem, aber der Leistungsdruck bleibt, weil die Veränderung bestehen bleibt.

Unsere Konzentration wird buchstäblich auseinandergezogen. Die Aufmerksamkeit wird dadurch zerstreut und zermürbt, da wir und ständig und übermäßig auf einzelne Dinge konzentrieren müssen.

Ein Beispiel:
Eine Telefonistin muss pro Tag ca. 700 Anrufe entgegennehmen; jeder Anruf versetzt ihr einen kurzen Aufmerksamkeitsimpuls. Abends ist sie dann natürlich fix und fertig. Was tut sie? Sie setzt sich vor einen Bildschirm und glaubt dort die Entspannung zu finden. Jedoch hat das nur eine zermürbende Wirkung auf sie, weil sie auch dort überall immer wieder Aufmerksamkeitsimpulse vorfindet!
Sei es im Internet eine Seite, vollgepackt mit Werbung oder im TV letzten endes das selbe.
Die Sache ist, dass die Aufmerksamkeitsgewinnung zu einem elementaren Faktor unserer Gesellschaft geworden ist!
Jede Ware muss heutzutage verkünden können „Schau mich an! Kauf mich!“, weil es einfach solch eine große Warenvielfalt gibt.
Wenn wir Dokumentationen, Filme etc. sehen, müssen sie so gemacht werden, dass es permanent Aufmerksamkeitsimpulse gibt, damit der Zuschauer dran bleibt und nicht den Sender wechselt.

Unter solchen Bedingungen ist es normal, dass Kinder und Jugendliche Aufmerksamkeitsdefizite bekommen; ADHS zum Beispiel, welches ferner eine drastische Manifestation und Verstärkung einer gesellschaftlichen Tendenz unserer ist.

Ein Aufmerksamkeitsdefizit spiegelt sich in der eigenen Sozialisierung wieder. Menschen mit ADHS ist ein Defizit an Aufmerksamkeit widerfahren. Die Kinder von heute erleben nun jedoch eine Konkurrenz zwischen der Aufmerksamkeit der Bezugsperson und der Flimmerkiste, woraus eine halbherzige Aufmerksamkeit resultiert. Die Eltern habe nicht mehr soviel Zeit, sich um die Kinder zu kümmern, aber was die Kinder vor dem Bildschirm erfahren ist keine wahre und auch keine wirklich emotionale Aufmerksamkeit, die sie eigentlich bräuchten!
Kinder sind für solche Dinge sehr sensibel und sie leiden darunter.
Man kann dies unter anderem daran erkennen:
Sitzt ein Kind vor dem Fernseher ist es total ruhig, wie ausgewechselt und gewinnt dort plötzlich an Ausdauer. Wenn es Hausaufgaben machen soll, ist es genervt, will sie nicht machen.
Kinder sind von Natur aus neugierig und motiviert; die Frage ist jedoch, wo das Kind die Neugierde befriedigt und wenn jenes schon ein Steven Spielberg vollbracht hat, interessiert es sich natürlich nicht für die Geschehnisse im Unterricht. Und kämpft ihr mal als Lehrer gegen die Klonkrieger an... ich glaube, da ist der Ausgang schon gewiss. (Ergänzung dazu weiter unten.)

Zurück zu dem ruhigen Kind vor dem Bildschirm:
Es mag paradox klingen, aber ein Kind zieht es zurück an den Ort, wo es seine traumatischen Erfahrungen machte. Es ist dieser Wiederholungszwang, um das Schreckliche loszuwerden. Sie finden als nur ihre Beruhigung nur am Herd ihrer Unruhe, wodurch sie wiederum nur eine Pseudoerfüllung erfahren! Und daraus folgt ferner ebenfalls eine Unfähigkeit, zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen und zu verstärken.
Wir brauchen permanente Reize, immer das höchste der Gefühle, die Perfektion, so wie wir es auf dem Bildschirm erleben, was natürlich vollkommen unrealistisch ist.
Wir haben unrealistische Anforderungen an uns und unsere Umwelt, dabei sind wir einfach keine Maschinen.

Und was tuen wir mit den Kindern, die an ADHS „erkrankt“ sind? Wir pumpen sie einfach mit Medikamenten zu.
Es sind nicht die Medikamente, die uns helfen...


Wir werden also nun täglich vollkommen mit Reizen überflutet.
Was passiert mit unserer Fantasie?
Die „technische Einbildungskraft“ kann Lichteindrücke unmittelbar aufnehmen und vervielfältigen; die Dinge sind dann sofort sichtbar. Man nehme die Fußball WM die sofort für Millionen Zuschauer überall auf der Welt auf Bildschirmen sichtbar ist.
Der Mensch jedoch muss seine innere Vorstellung erst übersetzen, indem er schreibt, malt oder sich verbal ausdrückt.

Die Bildmaschinerie strahlt also eine ungeheure Überlegenheit aus!
Sie lacht uns praktisch aus und sagt uns “Was willst du? Mit mir kannst du nicht konkurrieren!“.

Der menschliche Geist wird dadurch gekränkt und eine der größten Errungenschaften des Menschen scheint ersetzt zu werden:
Die Selbstkorrektur der Halluzination; unser vernünftiges Realitätsbewusstsein.

Somit sind ist die Bildmaschinerie eine Gefahr für unseren Wirklichkeitssinn.
Filmbilder sind wie Halluzinationen, aber wir haben keine Chance, all dies zu haltbaren Erfahrungen in unserem Innerem zu festigen; es bleibt keine Zeit für die Verarbeitung.
Wir bekommen ein Bild und somit einen Impuls.
Bild → Impuls
Bild → Impuls
Bild → Impuls usw.
Es bleibt ebenfalls keine Zeit für die Nacharbeit der Impulse, weil sofort ein neuer dem vorherigen folgt.
Die Gefahr dabei ist, dass unsere Fähigkeit schrumpft, äußere Eindrucke innerlich zu verfestigen. Dadurch verändert sich der Mensch. Wir verlernen zwar nicht das Denken von heute auf morgen, aber eine generelle Unruhe macht sich schon merkbar.

Die Bildmaschinerie hat eine gedächtnisauflösende Kraft. Denn warum sollten wir uns Dinge merken, wenn es jemand anderes für uns tut? Wir haben Handy, PDAs und vor allem Wikipedia für Hausaufgaben, Iphones für die Klausuren.
Wir haben uns eine riesige Datenbank geschaffen, auf die wir zugreifen können. Das hat sowohl Vor- als auch Nachteile, aber vor allem verliert man unglaublich schnell die Orientierung.
Das Gefühl der Orientierungslosigkeit ist ebenfalls ein generelles Phänomen, das immer mehr bei den Menschen auftritt, was ein unglaubliches Unbehagen auslöst.

Wir unterliegen einer Reizüberforderung und die Wiederholung hat ihre ursprünglich menschliche Funktion eingebüßt. Wir arbeiten das Unerträgliche nicht mehr ab, obwohl wir es loswerden wollen.
Die Wiederholung ist notwendig, um Dinge zu verarbeiten! Wenn das Unerträgliche nicht abgearbeitet wird, bleibt es im „Erleben“, es bleibt aktuell und verschlimmert sich.
Ferner kommt noch die zunehmende Unfähigkeit zur Symbolisierung. Wir können nicht mehr erklären, worunter wir leiden; unsere Träume beginnen zu verschwimmen, was ebenfalls aus der Aufmerksamkeitszerstreuung resultiert!
Das Ergebnis sind Depressionen u.ä.. (Die Selbstmordrate in Deutschland ist drastisch gestiegen!) Ferner scheint die Depression zu unserer Volkskrankheit Nr. 1 zu werden.

An der Stelle will ich nochmal kurz die Lehrer aufgreifen; immer mehr Lehrer haben mentale Probleme, Burn Out ist auch keine Seltenheit. Weshalb dem so ist, sollte hier klar werden.

Dass die Wiederholung nicht notwendig sei, wird von unserer Gesellschaft vorgeschrieben. Das Nachsitzen in der Schule sei schlecht, falsch; es wird praktisch als Stigma angesehen, dabei ist das Nachsitzen und Nacharbeiten, das Sedimentieren vom Gelernten und ist somit notwendig! Die Gesellschaft sieht dies jedoch als verlorene Zeit an. 
Wir müssen wie Maschinen funktionieren. 
Schüler lernen nicht mehr nachhaltig, sondern nur für Klausuren. Die Schulzeit wird verkürzt; wo können da die Kinder noch wirklich Kind sein?
Was hat sich die Gesellschaft mit dem Internet und den Bildschirmen erschaffen? Es ist ein Segen und ein Fluch zugleich und viele müssen lernen, damit richtig umzugehen.

Aber vor allem müssen wir endlich verstehen, dass wir Menschen keine Maschinen sind.
Menschen sind nicht perfekt und wir sollten an uns auch keine Anforderungen der Perfektion haben. Denn wären wir alle wie perfekte Maschinen, wäre es hier nur noch ein kalter und entzauberter Ort, wo Emotionen keine Rolle mehr spielen würden. Aber macht das den Menschen nicht aus; seine Emotionalität?

Gothic Lolita, du fragtest, warum wir so kalt und gefühllos sind. Ich denke, dass ich dir hier einen Grund dafür genannt habe.

Ich bedanke mich bei allen, die es geschafft haben, von Anfang bis zum Ende diesen Text zu lesen, weil ich echt sehr viel Mühe und Herzblut in dieses Referat investiert habe. Ich bin der Ansicht, dass dieses Thema alle angeht und ich hoffe, dass es so manch einen vielleicht die Augen für manche Dinge öffnet.


Over and out.~


Kommentare:

  1. "Ich bedanke mich bei allen, die es geschafft haben, von Anfang bis zum Ende diesen Text zu lesen,[...]"

    gerne, hast du auch sehr schön geschrieben und ist ein sehr interressantes Thema :)

    Da ich selten so einen guten Text zu diesem Thema gefunden habe: Ich darfs doch in ICQ/SVZ verlinken oder? ;)

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  2. Mein Blog ist für alle Menschen des Internets frei zugänglich, also kannst du den Beitrag auch verlinken. ;)

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  3. Und ich sags immer wieder, die Gesellschaft hat den Mensch überholt, täglich werden es mehr die davon überrollt werden. Am besten und gesündesten wäre es für den menschlichen Verstand sich zum einem gewissen Grad abzuschotten..oder aber..und das ist die Extremlösung die hin und wieder mal in meinem Kopf rumspukt: Man müsste die moderne Welt wieder ins Mittelalter "zurückbomben" und der Evolution noch ein wenig mehr Zeit geben.

    Toller Eintrag mal wieder..meine Hochachtung, denn mehr Inhalt geht kaum mehr.^^

    Ich werde ihn mit deiner Erlaubnis auch mal verlinken, ich denke das hier sollten mehr Menschen lesen und vielleicht sogar bewusst verstehen.

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  4. Vielen Dank! (:

    Ich denke, dass das mit der Wiederholung der Evolution nur sinnvoll wäre, wenn wir alle erst verstanden haben, was nicht richtig läuft und mit dem Wissen zurückreisen können, um es dann besser zu machen, wie in dem Spiel Braid. (:
    Ohne jegliches Wissen, halte ich es eher für fragwürdig, ob sich viel ändern würde... aber da es eh nicht möglich ist - zumindest weiß ich nichts davon - sollten wir zusehen, dass wir im Jetzt und für die Zukunft was ändern, denn wir leben jetzt und werden es auch noch in Zukunft. (:

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